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Früher bekam Westaflex auf eine Stellenanzeige etwa 300 Bewerbungen. Heute sind es vielleicht zehn. Dabei braucht die Gütersloher Unternehmens-Holding ständig neue Nachwuchskräfte: Wir müssen Bewerber auf allen Kanälen ansprechen. Deshalb sucht die westa gruppe seit einiger Zeit neue Mitarbeiter auch über soziale Netzwerke. So betreiben die Einzelfirmen eine eigene Facebook-Seite. Durch dieses Schlüsselloch können potenzielle Bewerber einen Blick in die Unternehmung und seinen Standort werfen. Westaflex selbst etwa zeigt Fotos vom Weihnachtsfest, berichtet von der Begrüßung der Azubis und informiert über Innovationen.

Mit seiner Facebook-Niederlassung gehört westaflex zu den Pionieren. Nur jedes 15.te deutsche SHK-Unternehmen vermarktet sich und seine Jobs aktiv, die übrigen schalten nach wie vor Anzeigen und hoffen darauf, dass sich Bewerber melden. Dabei lohnt es sich, im Web 2.0 aktiv nach Talenten zu fischen: In der westa gruppe bewerben sich mittlerweile pro Woche sieben bis neun Einsteiger, die über Facebook oder LinkedIn auf eine Vakanz aufmerksam geworden sind. Einfach lässt sich der Nachwuchs im Netz allerdings nicht bezirzen. Denn im Web 2.0 gilt: Jede Anfrage muss beantwortet und jede Diskussion mitgemacht werden, immer persönlich und auch noch möglichst schnell. Dafür ist Manpower nötig. Bei westaflex betreut ein eigenes Team die Facebook-Präsenz rund um die Uhr, versucht, auf jede Frage der Nutzer spätestens nach zehn Stunden zu antworten.

Es geht westaflex vor allem darum, “möglichst viel Engagement der User zu erzeugen”. Die Nutzer sollen sich zu Wort melden, Kommentare hinterlassen oder den “Gefällt mir”-Knopf drücken. Über 12.000 Fans zählt die Seite schon.

Neben den personellen Ressourcen muss aber auch eine Kultur vorhanden sein, die zu Facebook passt, schließlich kann in sozialen Medien nicht mehr jede Meinungsäußerung von oben abgesegnet werden. Um Pannen zu vermeiden, hat es sich bewährt, einige Regeln aufzustellen. Beispiele: keine sensiblen Interna posten, keine Konkurrentenschelte betreiben, nicht zu Politik oder Religion äußern. Alle Mitarbeiter unterschreiben die Benimmregeln mit dem Arbeitsvertrag und haben danach freie Bahn.

Nicht alle Personalchefs in OWL trauen sich freilich derzeit, die Kontrolle derart aus der Hand zu geben. Zumal viele befürchten, dass die eigene Facebook-Seite zu einem Forum für Kritiker verkommt. Praktiker wie westaflex halten diese Ängste für überzogen: “Wir hatten uns durchaus auch auf Kritik eingestellt, aber erfreulicherweise erhalten wir sehr viel mehr positives Feedback”. Ein Allheilmittel gegen Mitarbeitermangel ist Facebook allerdings nicht – vor allem, weil die Onlinegemeinde im Freundschaftsnetz tatsächlich lieber unter privaten Freunden bleiben will. “Was ist, wenn der Personaler von Vaillant sieht, dass ich auch Fan von westaflex bin?”, so etwa lauten die Bedenken.

“Die Kandidaten erwarten, dass man sie dort abholt, wo sie sich aufhalten”, sagt westaflex. Rausgehen auf Facebook und andere Seiten und trommeln, lautet die Devise in der personalknappen Branche. “Für unsere Bewerber ist das soziale Netz, sowie LinkedIn der präferierte Kontaktkanal”, so das Familienunternehmen aus Gütersloh. Außerdem müssen Personaler, die sich auf dem Web-2.0-Parkett bewegen wollen, viel Fingerspitzengefühl mitbringen – schließlich reagiert die Facebook-Gemeinde allergisch auf allzu aggressives Personalmarketing. “Einfach nur offene Stellen zu veröffentlichen ist grundfalsch”, warnt das Unternehmen aus Erfahrung. Die Beobachtung: Nutzer mögen eine Mischung aus lockeren Inhalten und Jobangeboten.

Gut kommt auch das Schlüsselloch-Modell an, wie westaflex in Foren es praktiziert: Angestellte berichten auf Facebook aus ihrem Arbeitsalltag – direkt und möglichst ungefiltert. Experten erwarten, dass sich diese Art des Employer-Branding in Zukunft durchsetzen wird: Statt Hochglanzbroschüren zu drucken, macht die Firma ihre eigenen Angestellten im Web zu Botschaftern der Arbeitgebermarke. “Dass Unternehmen nur über die Personal- und Presseabteilung mit der Welt kommunizieren, ist ein Auslaufmodell”, bestätigt sich spätestens hier.

Das könnte sich allerdings in Zukunft ändern, meinen Personalprofis der Region OWL. “In drei bis vier Jahre findet der gesamte Rekrutierungsprozess vermutlich über eine Plattform wie Facebook statt”, erwartet der Unternehmerverband. Erste Anzeichen für diesen Trend gibt es schon: Bei einem heimischen Familienunternehmen können interessierte Bewerber auf der Facebook-Seite direkt ihren Lebenslauf hochladen – ohne die Plattform verlassen zu müssen.

 

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Über westerbarkey j@n (Gastautor)

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